Emotionen im Strassenverkehr

Die emotionale Struktur des Strassenverkehrs

Der Strassenverkehr wird zwar mit der Freude am Fahren beworben. Hervorstechend sind aber oft negative Emotionen. Aus emotionspsychologischer Sicht erklärt sich das daraus, dass die Teilnehmer ein Ziel anstreben, dem sie hohe Priorität einräumen. Sie wollen so schnell, autonom und bequem wie möglich irgendwo ankommen. Diesem Ziel stehen im Prinzip alle anderen Verkehrsteilnehmer entgegen. Sie fahren zu langsam, zu schnell, bremsen unnötig, … Das ist der beste Nährboden für Ärger.

Leib, Leben und vor allem der Selbstwert sind bedroht

Existentiell wird die Situation durch die lebensbedrohlichen Folgen eines Fehlverhaltens. Diese werden in der subjektiven Sicht aber geringer eingeschätzt als Verletzungen des Selbstwerts der Verkehrsteilnehmer. Die durch den Statuswert des Fahrzeugs vorgebene Hierarchie z.B. wird nicht von allen anderen angemessen respektiert. Vielmehr gibt es Aufmüpfige, die sich mit ihren untermotorisierten Kleinwagen angestachelt fühlen die Werteordnung, die nicht nur auf Materiellem bestehen sollte, wieder herzustellen (Alle Menschen sind gleich. Allerdings nur von Geburt und selbst das nicht).

Ärger oder Geringschätzung

Ärger tritt dann auf, wenn das Verhalten des anderen als absichtsvoll interpretiert wird. Oft wird ihm aber die Fähigkeit abgesprochen verantwortungsvoll gehandelt zu haben. Letzteres führt zu Geringschätzung und Entwertung.

Radfahrer

Der Radfahrer wird vom Autofahrer als bewegliches Hindernis und als Quelle unberechenbaren Verhaltens wahrgenommen.  Er behindert das schnelle Vorwärtskommen, obwohl er, was die Masse angeht, gegenüber dem durchschnittlichen 2 Tonner eigentlich als ein Nichts anzusehen wäre. Hier bedarf es über die Physik hinausgehender Werte, um den Impuls das Hindernis aus dem Weg zu räumen, zu hemmen (= emotionale Arbeit).

Zum Glück beinhaltet die Emotion den Selektionsvorteil, dass die zugehörige Handlung von der Emotion getrennt ist. D.h. der Impuls den Radfahrer aus dem Weg zu räumen ist zwar da, zunächst aber wird die zugehörige Emotion gezeigt, der Ärger (Schimpfen, Hupen, Gesten zeigen).

Die aktuelle Rolle bestimmt die kognitive Bewertung

Man ist nicht von Geburt Auto- oder Radfahrer, vielmehr ändert sich die Weltsicht, sobald man sich in die eine oder andere Rolle begibt. Ein Wechsel zwischen den Rollen kann die Empathie für den anderen Verkehrtsteilnehmer fördern. Empathie  für die Situation des anderen ist generell zu entwickeln.

Reziprozität

Da der Ärger meist nicht nur einseitig auftritt, sondern beide Auto- und Radfahrer emotional reagieren, kommt es gerne zu einem reziproken Aufschaukeln. Das ist vor allem der Fall, wenn man sich geschützt fühlt, sprich in einer ausreichend gepanzerten Limousine, zur Not genügt ein SUV, sitzt. Dem Radfahrer bleibt nur sich darauf zu verlassen, dass er in einer weitgehend zivilisierten Welt lebt und der Kontrahent die Unantastbarkeit der Würde des Menschen kennt. Zur Handlungssteuerung genügt auch die Antizipation  einer Vielzahl negativer Konsequenzen, die zu ertragen wären, wenn man dem Handlungsimpuls freien Lauf gibt.

Autofahrer unter sich

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