Anfrage der Stuttgarter Zeitung – Regine Warth

–          Wie hat sich die menschliche Mimik im Laufe der Evolution entwickelt?

Dazu liegen soweit mir bekannt keine Daten vor. Nötig wären Rückschlüsse aus Knochenfunden auf die vorhandene Gesichtsmuskulatur.  Das ist eventuell sogar möglich. Meine Hypothese wäre, dass man – wenn überhaupt – eine Differenzierung der Muskulatur auf der Grundlage derjenigen der Schimpansen findet (siehe Chimp-FACS, Sarah-Jane Vick, Bridget Waller, Lisa Parr,
Marcia Smith-Pasqualini & Kim Bard).

–          Was unterscheidet menschliche Mimik von tierischer Mimik?

Eine ausführliche Beschreibung dazu findet sich ebenfalls in Chimp-FACS. Die Bewegungsmöglichkeiten der Augenbrauen sind gegenüber denen des  Menschen eingeschränkt. Sie können nicht zusammen gezogen werden und vor allem können innerer und äußerer Teil nicht separat bewegt werden. Letzteres ermöglicht dem Menschen bereits eine Palette an Ausdrucksmöglichkeiten. Z.B. Bitten, Betteln, Flehen durch das Anheben des inneren Teils (s.a. Dackelblick: muskuläre Grundlage beim Hund ist mir nicht bekannt).

Chimpansen können lächeln, die Nase rümpfen, die Oberlippe anheben, die Mundwinkel senken.

Aber sie können nicht die Lippen spannen (LT oder AU23), oder einen Kussmund machen. Sie stülpen aber die Lippen nach außen, z.B. beim Schreien.

Sie können die Lippen zusammenpressen. Ob sie diese auch anspannen ist noch nicht beobachtet worden, der Muskel orbicularis oris ist zumindest vorhanden. Auch ziehen sie die Lippen ein (lips suck).

–          Ist Mimik universell verständlich?

Für die Basisemotionen laut Ekman ist dies Teil der Definition derselben. Es gibt jedoch erheblichen wissenschaftlichen Dissens über die Aussagekraft der angeführten Studien. Harriet Oster die Expertin für Baby-FACS teilte zum Beispiel mit, dass sie keine distinkten Ausdrücke der Basisemotionen bei Babies gefunden hat. Lediglich unspezifische Ausdrücke von Distress. Wenn man einen Blick in die oft angeführten Studien blinder Kinder wirft, wird es schwierig (siehe “Do blind people express their emotions in the same way as people who can see?” Gentaz, Geneve, Psychonomic Bulletin & Review). Die Emotionen sind erkennbar, können aber nur schlecht willentlich hergestellt werden. Soziales Lernen und Feedback sind wichtige Aspekte der Ausdifferenzierung der Mimik. 

–          Welche Rolle spielt die Mimik in der menschlichen Kommunikation und auf welche Punkte im Gesicht achten Menschen, wenn sie miteinander kommunizieren?

Sie dient der Beziehungsregulation aber zu großen Teilen ist sie auch Teil des sprachlichen Ausdruck und insbesondere Emotionsmimik wird verwendet um Einstellungen zu Objekten emotional angereichert darzustellen. Je reibungsloser eine Interaktion abläuft, desto geringer wird der Anteil regulierender Mimik.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *